(2026) Bicinia
Kategorie(n): Kammermusik
Instrument(e): Violoncello Geige
Hauptkomponist: Diverse Komponisten (siehe Sammlungen)
CD-Set: 1
Katalog Nr.:
CD 3134
Freigabe: 27.03.2026
EAN/UPC: 7619931313429
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BICINIA
Eine Schule der Zweistimmigkeit
Wie ein mehrgängiges und stimmiges Menu der Spitzenklasse präsentieren Sini Simonen und Alexandre Foster Duos aus über vierhundert Jahren Musikgeschichte: ein ‹entrée paysanne› von Martinů, ein elegisches ‹entremet› von Kaija Saariaho, der Hauptgang von Maurice Ravel, ein vielseitiges ‹plateau de fromages› von Roland Moser und ein süss-bitterer Nachtisch von Helena Winkelman. Dazwischen erklingen kurze ‹Mises en oreilles› von Orlando die Lasso und György Ligeti, welche die Ohren für Neues öffnen.
I
Duo II von Bohuslav Martinu wirkt auf dieser CD wie eine «peinture naïve»: Einfache Dur-Moll-Harmonik, klare Formen und volksmusikalische Anklänge. Martinů brauchte Ende 1958 für die Komposition nur vier Tage. Es war der letzte Sommer, den er einigermassen unbeschwert verlebte; noch hoffte er, dem Magenkrebs zu entkommen; vierzehn Monate später wird er ihm erliegen. Das Werk entstand auf dem Schönenberg bei Pratteln nahe Basel. Dort verbrachte der vielgereiste Komponist als Gast von Maja und Paul Sacher die letzten Monate seines Lebens und wurde medizinisch vorzüglich versorgt. Er war dank zahlreicher Aufträge von Paul Sacher gut ins Basler Musikleben integriert. Auch Duo II war ein Auftrag, nämlich des Basler Musikwissenschaftlers Ernst Mohr, der das Werk zum 50. Geburtstag seiner Frau Trauti Mohr-Bally bestellte.
Stilistisch ist das dreisätzige Werk weit entfernt von allem, was damals in der Neuen Musik angesagt war. Der erste Satz erinnert an neoklassizistischen Strawinsky. Der tieftraurige Mittelsatz evoziert Abschied und ist wohl stark durch Martinůs schwere Krankheit geprägt. Im letzten Satz sind Anklänge an die Volksmusik seiner tschechischen Heimat zu hören, die er schon 1923 verlassen hatte und in die er nach der Flucht vor den Nazis nie mehr zurückgekehrt war. In seinem Spätwerk wird sie ihm deshalb umso mehr zu einem zentralen Sehnsuchtspunkt.
Das Werk wurde erst 1962 – drei Jahre nach Martinůs Tod – bei einem Privatkonzert in Basel von Hansheinz Schneeberger und Dieter Staehelin uraufgeführt.
II
Eine besondere Rarität auf dieser CD sind drei Motetten aus den 24 zweistimmigen Motetten Novae aliquot («Einiges Neues») von Orlando di Lasso, welche als Intermedien zwischen die längeren Werke erklingen. Sie erinnern an das goldene Zeitalter der Zweistimmigkeit. Diese entstand vor tausend Jahren im 11. und 12. Jahrhundert im südfranzösischen Herzogtum Aquitanien, das mit den Troubadours die Wiege der europäischen Literatur bildete und im Kloster Saint Martial in Limoges eine differenzierte Zweistimmigkeit förderte. Noch ohne mensuriertes rhythmisches System fügte man dem einstimmigen Choralgesang eine zweite Stimme als Parallelstimme, als Gegenstimme oder als variierend-verzierende Stimme hinzu.
Leider dauerte dieses goldene Zeitalter der Zweistimmigkeit kaum hundert Jahre, denn in Nordfrankreich wurde an der Pariser Notre-Dame wenig später die erste mensurierte rhythmische Notation entwickelt, die eine komplexe Koordination der Stimmen ermöglichte und den findigen Pérotin auf die Idee brachte, eine dritte und sogar vierte Stimme hinzuzufügen: Die harmonische Wirkung war überwältigend, und so wurden Drei- und Vierstimmigkeit zunehmend zur Regel.
Aber die Zweistimmigkeit blieb präsent und tauchte in vierstimmigen Sätzen häufig auf: Diese zweistimmigen Partien nannte man nun Bicinia. Ein spätes Zeugnis dieser Bicinia sind die 1577 publizierten zweistimmigen Motetten von Orlando di Lasso. Der weit in Europa herumgekommene Sänger und Komponist schrieb sie auf dem Höhepunkt seiner Karriere am Münchener Hof. Sie sind in der an Vielstimmigkeit interessierten Spätrenaissance schon etwas aus der Zeit gefallen. Allerdings öffnet Lasso hier ein Tor in die Zukunft, denn zwölf der Motetten sind mit «Sine Textu» überschrieben, also instrumental aufzuführen. Es sind Lassos einzige reinen Instrumentalstücke; die kontrapunktischen Meisterwerke mäandern zwischen ruhigem Vokalstil und der Faszination für die schnelleren Wendungen, welche die Instrumente erlauben. Die Stimmen sind eng gesetzt. Sini Simonen und Alexandre Foster spielen sie teils um eine Oktave erweitert; das erhöht die harmonische Qualität. Die 22. Motette interpretieren sie aber in enger Lage, was Lassos polyphone Verzwicktheit zum Blühen bringt.
III
Aure komponierte Kaija Saariaho ursprünglich für Violine und Bratsche zum 95. Geburtstag von Henri Dutilleux. Als Ausgangspunkt diente ihr Dutilleux’ Werk Shadows of Time (1996) für Orchester und drei Kinderstimmen. Sie wählte den dritten Satz «Mémoire des ombres», in dem Dutilleux Fragmente aus dem Tagebuch von Anne Frank verwendet: «Warum wir? Warum der Stern?» Über die Melodie dieser Textpassage komponierte Saariaho einen Klagegesang, aufbrausend, befragend, erlösend, insistierend, ohne eigentlichen Schluss, denn die Fragen von Anne Frank müssen ohne Antwort bleiben.
IV
Im harmonisch dominierten Zeitalter nach 1600 verlor die Zweistimmigkeit zunehmend an Prestige. Grösser besetzte Gattungen dominierten die Musik. Das änderte sich 1920: Da begann Maurice Ravel mit der Komposition der Sonate für Violine und Violoncello. Sie ist ein Memoriam auf den Tod des 1918 verstorbenen Claude Debussy. Ravel arbeitete sehr lange an diesem Stück, erst 1922 konnte er es vollenden. Es ist eines der grossen Meisterwerke der Musikgeschichte geworden. Man möchte vermuten, dass Ravel bei dieser Debussy-Hommage dessen opulente Harmonik imitieren würde. Das Gegenteil ist der Fall: Die Sonate ist eine zeichnerische, höchst ziselierte Musik, weit von allem Impressionismus entfernt. Ravel sucht jene zukünftigen Wege, die Debussy möglicherweise noch beschritten hätte und die sich in der Linearität von Debussys späten Kammermusikwerken andeuten. So kontrastieren tiefe Trauer im ersten und dritten Satz mit dem Aufbruch in die Welt von Zoltán Kodály und Béla Bartók im vierten. Auch Ravel selbst verstand seine Sonate als Wendepunkt in seinem Schaffen; er habe alles Unnötige abgeworfen und zu einer linearen Musik zurückgefunden. Allerdings ist es eine Linearität höchster Raffinesse. Er schafft polyphone Geflechte, bei denen die beiden Instrumente zuweilen wie ein Streichquartett klingen. Die repräsentative Uraufführung am 6. April 1922 durch Hélène Jourdan- Morhange und Maurice Maréchal fiel allerdings durch. Die Modernität des Werks wurde abgelehnt und dessen Genialität und Komplexität erst viel später erkannt.
V
Roland Moser zeigt sich in die Drei Widmungen als Klangmagier, der mit wenigen Ingredienzien überraschende Wirkungen schafft. Die Kleine chromatische Studie zum 75. Geburtstag des bedeutenden Schweizer Geigers Hansheinz Schneeberger, der das erste Werk dieser CD uraufführte, ist eine Hör-Etüde, in der der halbtönige chromatische Raum der enharmonischen Welt der Naturtöne und Flageoletts gegenübergestellt wird. Am Cello interessieren Roland Moser die Extreme: die hohen und höchsten Lagen und die reichen Möglichkeiten für alchemistische Mixturen, welche die komplexen Flageoletts auf den tiefen Cello-Saiten ermöglichen. In der Sarabande, die der Komponist seiner Frau, der Cellistin Käthi Gohl gewidmet hat, erklingen in der tiefen Lage des Instruments wie durch einen Schleier Erinnerungen an verschiedene barocke Sarabanden. Die Barcarola ist eine Paraphrase der Barcarolle aus Jacques Offenbachs Les contes d’Hoffmann («Belle nuit, ô nuit d’amour, / Souris à nos ivresses! / Nuit plus douce que le jour, / Ô belle nuit d’amour!»). Sie trägt die Widmung «per le due» und spielt an die langjährige Liebesbeziehung des Ehepaars an. Wie ein Ohrenkitzler blitzt Offenbachs Original auf.
VI
Die Hommage à Hilding Rosenberg von György Ligeti ist eine enharmonisches Kabinettstück, nämlich eine Miniatur-Passacaglia, bei der das Thema, das aus einer absinkenden Skala besteht, enharmonisch verwechselt wird: die gleichen Töne erklingen zuerst in Be-Vorzeichen und wandeln sich am Ende zu Kreuzvorzeichen, eine Schwindel erregende tonale Weltumsegelung in 25 Takten. Dazu erklingen die Quinten der leeren Saiten. Gewidmet ist diese Miniatur dem schwedischen Dirigenten und Komponisten Hilding Rosenberg zum 90. Geburtstag. Als Untertitel schreibt Ligeti «mit Anrufung von Bartóks Geist», eine Anspielung an dessen Kunst, Einfachstes in verquere Spannungen zu versetzen.
VII
Helena Winkelman ist in vielen Domänen zuhause. Die Komponistin, Geigerin und Konzertveranstalterin bewegt sich souverän in Klassik, Jazz und Schweizer Volksmusik. Das Duo Rondo mit Januskopf gehört zu Winkelmans ersten Kompositionen. Der Januskopf steht für Winkelmans polystilistische Position: das eine Gesicht zeigt den unterhaltend vitalen Jazz im Stil von Dave Brubeck, das andere Gesicht offenbart in den Mittelteilen experimentelle Klänge, die das fröhliche Spiel hinterfragen.
Roman Brotbeck
Sini Simonen
Die finnische Geigerin Sini Simonen genießt eine internationale Karriere als Kammermusikerin und Solistin. Zwölf Jahre lang war sie erste Violine des Castalian String Quartet und konzertierte mit dem Ensemble weltweit in bedeutenden Konzertsälen. Zudem war das Quartett in Residence an der Wigmore Hall sowie an der Universität Oxford. Sini arbeitete eng mit Komponisten wie Thomas Adès, Charlotte Bray, Bent Sørensen und Mark-Anthony Turnage zusammen. Sie ist regelmäßiger Gast bei Festivals wie Aldeburgh, Edinburgh, Kuhmo, OCM Prussia Cove und Spoleto und musiziert häufig mit Künstlern wie Stephen Hough, Alasdair Beatson und Michael Collins. Ihre Diskografie umfasst unter anderem das Doppelkonzert für zwei Violinen von Bach mit Helsinki Strings, das Tripelkonzert von Bach mit dem Stuttgarter Kammerorchester sowie ein preisgekröntes Album mit Quartetten von Beethoven und Adès sowie eigenen Bearbeitungen von Renaissancemusik.
Sini Simonen studierte an der Sibelius-Akademie, der Hochschule für Musik Hannover und der Musik-Akademie Basel, unter anderem bei Lara Lev und Rainer Schmidt. Meisterkurse und künstlerische Zusammenarbeit mit Ferenc Rados, Rita Wagner und Sir András Schiff prägten ihre musikalische Entwicklung maßgeblich. Sie gewann zahlreiche erste Preise bei internationalen Violinwettbewerben, darunter die Wettbewerbe Flesch, Lipizer und Cremona, sowie Auszeichnungen bei den Kammermusikwettbewerben Brahms, Lyon, ARD und Banff. Sie ist Professorin für Violine an der Royal Academy of Music in London.
Alexandre Foster
Der Cellist aus Québec (CA) Alexandre Foster verfolgt eine künstlerische Laufbahn, die sowohl im barocken Repertoire als auch in der modernen Musik verankert ist. Diese doppelte Ausrichtung führte ihn auf einige der renommiertesten Bühnen Europas, darunter die Casa da Música Porto, das KKL Luzern und den Herkulessaal in München.
Aus Leidenschaft für die Kammermusik heraus ist er Gründungsmitglied des Calvino Trios, mit dem er weltweit konzertierte. Das Trio wurde mit dem Norbert-Schenkel-Preis beim Jeunesses Musicales Wettbewerb 2015 sowie mit dem Orpheus-Preis beim Swiss Chamber Music Competition 2016 ausgezeichnet. Alexandre Foster war zudem Cellist des Basler Streichquartetts und ist, seit mehreren Jahren, Solocellist des Barockensembles Les Passions de l’Âme.
Seine Diskografie zeugt von seinem Interesse an vielfältigen und anspruchsvollen künstlerischen Projekten. Dazu zählen unter anderem die Ersteinspielung von Beethovens Klavierquartetten auf historischen Instrumenten (Dynamik) sowie die Gesamteinspielung der Harmonia Artificioso-Ariosa von Heinrich Ignaz Franz Biber (Deutsche Harmonia Mundi), die von der internationalen Fachpresse hoch gelobt wurde. Seine Solo-CD „Ist Klang der Sinn?“, an der Heinz Holliger mitwirkte, fand besondere Beachtung – sowohl wegen der Komplexität des Programms als auch aufgrund einer Interpretation von „phänomenaler Intensität“ (Klassik-Heute).
Alexandre Foster studierte bei David Ellis, Thomas Demenga, Conradin Brotbek, Rainer Schmidt, Anton Kernjak und Ferenc Rados und vertiefte seine Beschäftigung mit historisch informierter Aufführungspraxis bei Christophe Coin an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel. Neben seiner Konzerttätigkeit ist er international pädagogisch tätig und seit 2023 Professor für Violoncello an der Musik-Akademie der Stadt Basel.
[Website]
(2026) Bicinia - CD 3134
Eine Schule der Zweistimmigkeit
Wie ein mehrgängiges und stimmiges Menu der Spitzenklasse präsentieren Sini Simonen und Alexandre Foster Duos aus über vierhundert Jahren Musikgeschichte: ein ‹entrée paysanne› von Martinů, ein elegisches ‹entremet› von Kaija Saariaho, der Hauptgang von Maurice Ravel, ein vielseitiges ‹plateau de fromages› von Roland Moser und ein süss-bitterer Nachtisch von Helena Winkelman. Dazwischen erklingen kurze ‹Mises en oreilles› von Orlando die Lasso und György Ligeti, welche die Ohren für Neues öffnen.
I
Duo II von Bohuslav Martinu wirkt auf dieser CD wie eine «peinture naïve»: Einfache Dur-Moll-Harmonik, klare Formen und volksmusikalische Anklänge. Martinů brauchte Ende 1958 für die Komposition nur vier Tage. Es war der letzte Sommer, den er einigermassen unbeschwert verlebte; noch hoffte er, dem Magenkrebs zu entkommen; vierzehn Monate später wird er ihm erliegen. Das Werk entstand auf dem Schönenberg bei Pratteln nahe Basel. Dort verbrachte der vielgereiste Komponist als Gast von Maja und Paul Sacher die letzten Monate seines Lebens und wurde medizinisch vorzüglich versorgt. Er war dank zahlreicher Aufträge von Paul Sacher gut ins Basler Musikleben integriert. Auch Duo II war ein Auftrag, nämlich des Basler Musikwissenschaftlers Ernst Mohr, der das Werk zum 50. Geburtstag seiner Frau Trauti Mohr-Bally bestellte.
Stilistisch ist das dreisätzige Werk weit entfernt von allem, was damals in der Neuen Musik angesagt war. Der erste Satz erinnert an neoklassizistischen Strawinsky. Der tieftraurige Mittelsatz evoziert Abschied und ist wohl stark durch Martinůs schwere Krankheit geprägt. Im letzten Satz sind Anklänge an die Volksmusik seiner tschechischen Heimat zu hören, die er schon 1923 verlassen hatte und in die er nach der Flucht vor den Nazis nie mehr zurückgekehrt war. In seinem Spätwerk wird sie ihm deshalb umso mehr zu einem zentralen Sehnsuchtspunkt.
Das Werk wurde erst 1962 – drei Jahre nach Martinůs Tod – bei einem Privatkonzert in Basel von Hansheinz Schneeberger und Dieter Staehelin uraufgeführt.
II
Eine besondere Rarität auf dieser CD sind drei Motetten aus den 24 zweistimmigen Motetten Novae aliquot («Einiges Neues») von Orlando di Lasso, welche als Intermedien zwischen die längeren Werke erklingen. Sie erinnern an das goldene Zeitalter der Zweistimmigkeit. Diese entstand vor tausend Jahren im 11. und 12. Jahrhundert im südfranzösischen Herzogtum Aquitanien, das mit den Troubadours die Wiege der europäischen Literatur bildete und im Kloster Saint Martial in Limoges eine differenzierte Zweistimmigkeit förderte. Noch ohne mensuriertes rhythmisches System fügte man dem einstimmigen Choralgesang eine zweite Stimme als Parallelstimme, als Gegenstimme oder als variierend-verzierende Stimme hinzu.
Leider dauerte dieses goldene Zeitalter der Zweistimmigkeit kaum hundert Jahre, denn in Nordfrankreich wurde an der Pariser Notre-Dame wenig später die erste mensurierte rhythmische Notation entwickelt, die eine komplexe Koordination der Stimmen ermöglichte und den findigen Pérotin auf die Idee brachte, eine dritte und sogar vierte Stimme hinzuzufügen: Die harmonische Wirkung war überwältigend, und so wurden Drei- und Vierstimmigkeit zunehmend zur Regel.
Aber die Zweistimmigkeit blieb präsent und tauchte in vierstimmigen Sätzen häufig auf: Diese zweistimmigen Partien nannte man nun Bicinia. Ein spätes Zeugnis dieser Bicinia sind die 1577 publizierten zweistimmigen Motetten von Orlando di Lasso. Der weit in Europa herumgekommene Sänger und Komponist schrieb sie auf dem Höhepunkt seiner Karriere am Münchener Hof. Sie sind in der an Vielstimmigkeit interessierten Spätrenaissance schon etwas aus der Zeit gefallen. Allerdings öffnet Lasso hier ein Tor in die Zukunft, denn zwölf der Motetten sind mit «Sine Textu» überschrieben, also instrumental aufzuführen. Es sind Lassos einzige reinen Instrumentalstücke; die kontrapunktischen Meisterwerke mäandern zwischen ruhigem Vokalstil und der Faszination für die schnelleren Wendungen, welche die Instrumente erlauben. Die Stimmen sind eng gesetzt. Sini Simonen und Alexandre Foster spielen sie teils um eine Oktave erweitert; das erhöht die harmonische Qualität. Die 22. Motette interpretieren sie aber in enger Lage, was Lassos polyphone Verzwicktheit zum Blühen bringt.
III
Aure komponierte Kaija Saariaho ursprünglich für Violine und Bratsche zum 95. Geburtstag von Henri Dutilleux. Als Ausgangspunkt diente ihr Dutilleux’ Werk Shadows of Time (1996) für Orchester und drei Kinderstimmen. Sie wählte den dritten Satz «Mémoire des ombres», in dem Dutilleux Fragmente aus dem Tagebuch von Anne Frank verwendet: «Warum wir? Warum der Stern?» Über die Melodie dieser Textpassage komponierte Saariaho einen Klagegesang, aufbrausend, befragend, erlösend, insistierend, ohne eigentlichen Schluss, denn die Fragen von Anne Frank müssen ohne Antwort bleiben.
IV
Im harmonisch dominierten Zeitalter nach 1600 verlor die Zweistimmigkeit zunehmend an Prestige. Grösser besetzte Gattungen dominierten die Musik. Das änderte sich 1920: Da begann Maurice Ravel mit der Komposition der Sonate für Violine und Violoncello. Sie ist ein Memoriam auf den Tod des 1918 verstorbenen Claude Debussy. Ravel arbeitete sehr lange an diesem Stück, erst 1922 konnte er es vollenden. Es ist eines der grossen Meisterwerke der Musikgeschichte geworden. Man möchte vermuten, dass Ravel bei dieser Debussy-Hommage dessen opulente Harmonik imitieren würde. Das Gegenteil ist der Fall: Die Sonate ist eine zeichnerische, höchst ziselierte Musik, weit von allem Impressionismus entfernt. Ravel sucht jene zukünftigen Wege, die Debussy möglicherweise noch beschritten hätte und die sich in der Linearität von Debussys späten Kammermusikwerken andeuten. So kontrastieren tiefe Trauer im ersten und dritten Satz mit dem Aufbruch in die Welt von Zoltán Kodály und Béla Bartók im vierten. Auch Ravel selbst verstand seine Sonate als Wendepunkt in seinem Schaffen; er habe alles Unnötige abgeworfen und zu einer linearen Musik zurückgefunden. Allerdings ist es eine Linearität höchster Raffinesse. Er schafft polyphone Geflechte, bei denen die beiden Instrumente zuweilen wie ein Streichquartett klingen. Die repräsentative Uraufführung am 6. April 1922 durch Hélène Jourdan- Morhange und Maurice Maréchal fiel allerdings durch. Die Modernität des Werks wurde abgelehnt und dessen Genialität und Komplexität erst viel später erkannt.
V
Roland Moser zeigt sich in die Drei Widmungen als Klangmagier, der mit wenigen Ingredienzien überraschende Wirkungen schafft. Die Kleine chromatische Studie zum 75. Geburtstag des bedeutenden Schweizer Geigers Hansheinz Schneeberger, der das erste Werk dieser CD uraufführte, ist eine Hör-Etüde, in der der halbtönige chromatische Raum der enharmonischen Welt der Naturtöne und Flageoletts gegenübergestellt wird. Am Cello interessieren Roland Moser die Extreme: die hohen und höchsten Lagen und die reichen Möglichkeiten für alchemistische Mixturen, welche die komplexen Flageoletts auf den tiefen Cello-Saiten ermöglichen. In der Sarabande, die der Komponist seiner Frau, der Cellistin Käthi Gohl gewidmet hat, erklingen in der tiefen Lage des Instruments wie durch einen Schleier Erinnerungen an verschiedene barocke Sarabanden. Die Barcarola ist eine Paraphrase der Barcarolle aus Jacques Offenbachs Les contes d’Hoffmann («Belle nuit, ô nuit d’amour, / Souris à nos ivresses! / Nuit plus douce que le jour, / Ô belle nuit d’amour!»). Sie trägt die Widmung «per le due» und spielt an die langjährige Liebesbeziehung des Ehepaars an. Wie ein Ohrenkitzler blitzt Offenbachs Original auf.
VI
Die Hommage à Hilding Rosenberg von György Ligeti ist eine enharmonisches Kabinettstück, nämlich eine Miniatur-Passacaglia, bei der das Thema, das aus einer absinkenden Skala besteht, enharmonisch verwechselt wird: die gleichen Töne erklingen zuerst in Be-Vorzeichen und wandeln sich am Ende zu Kreuzvorzeichen, eine Schwindel erregende tonale Weltumsegelung in 25 Takten. Dazu erklingen die Quinten der leeren Saiten. Gewidmet ist diese Miniatur dem schwedischen Dirigenten und Komponisten Hilding Rosenberg zum 90. Geburtstag. Als Untertitel schreibt Ligeti «mit Anrufung von Bartóks Geist», eine Anspielung an dessen Kunst, Einfachstes in verquere Spannungen zu versetzen.
VII
Helena Winkelman ist in vielen Domänen zuhause. Die Komponistin, Geigerin und Konzertveranstalterin bewegt sich souverän in Klassik, Jazz und Schweizer Volksmusik. Das Duo Rondo mit Januskopf gehört zu Winkelmans ersten Kompositionen. Der Januskopf steht für Winkelmans polystilistische Position: das eine Gesicht zeigt den unterhaltend vitalen Jazz im Stil von Dave Brubeck, das andere Gesicht offenbart in den Mittelteilen experimentelle Klänge, die das fröhliche Spiel hinterfragen.
Roman Brotbeck
Sini Simonen
Die finnische Geigerin Sini Simonen genießt eine internationale Karriere als Kammermusikerin und Solistin. Zwölf Jahre lang war sie erste Violine des Castalian String Quartet und konzertierte mit dem Ensemble weltweit in bedeutenden Konzertsälen. Zudem war das Quartett in Residence an der Wigmore Hall sowie an der Universität Oxford. Sini arbeitete eng mit Komponisten wie Thomas Adès, Charlotte Bray, Bent Sørensen und Mark-Anthony Turnage zusammen. Sie ist regelmäßiger Gast bei Festivals wie Aldeburgh, Edinburgh, Kuhmo, OCM Prussia Cove und Spoleto und musiziert häufig mit Künstlern wie Stephen Hough, Alasdair Beatson und Michael Collins. Ihre Diskografie umfasst unter anderem das Doppelkonzert für zwei Violinen von Bach mit Helsinki Strings, das Tripelkonzert von Bach mit dem Stuttgarter Kammerorchester sowie ein preisgekröntes Album mit Quartetten von Beethoven und Adès sowie eigenen Bearbeitungen von Renaissancemusik.
Sini Simonen studierte an der Sibelius-Akademie, der Hochschule für Musik Hannover und der Musik-Akademie Basel, unter anderem bei Lara Lev und Rainer Schmidt. Meisterkurse und künstlerische Zusammenarbeit mit Ferenc Rados, Rita Wagner und Sir András Schiff prägten ihre musikalische Entwicklung maßgeblich. Sie gewann zahlreiche erste Preise bei internationalen Violinwettbewerben, darunter die Wettbewerbe Flesch, Lipizer und Cremona, sowie Auszeichnungen bei den Kammermusikwettbewerben Brahms, Lyon, ARD und Banff. Sie ist Professorin für Violine an der Royal Academy of Music in London.
Alexandre Foster
Der Cellist aus Québec (CA) Alexandre Foster verfolgt eine künstlerische Laufbahn, die sowohl im barocken Repertoire als auch in der modernen Musik verankert ist. Diese doppelte Ausrichtung führte ihn auf einige der renommiertesten Bühnen Europas, darunter die Casa da Música Porto, das KKL Luzern und den Herkulessaal in München.
Aus Leidenschaft für die Kammermusik heraus ist er Gründungsmitglied des Calvino Trios, mit dem er weltweit konzertierte. Das Trio wurde mit dem Norbert-Schenkel-Preis beim Jeunesses Musicales Wettbewerb 2015 sowie mit dem Orpheus-Preis beim Swiss Chamber Music Competition 2016 ausgezeichnet. Alexandre Foster war zudem Cellist des Basler Streichquartetts und ist, seit mehreren Jahren, Solocellist des Barockensembles Les Passions de l’Âme.
Seine Diskografie zeugt von seinem Interesse an vielfältigen und anspruchsvollen künstlerischen Projekten. Dazu zählen unter anderem die Ersteinspielung von Beethovens Klavierquartetten auf historischen Instrumenten (Dynamik) sowie die Gesamteinspielung der Harmonia Artificioso-Ariosa von Heinrich Ignaz Franz Biber (Deutsche Harmonia Mundi), die von der internationalen Fachpresse hoch gelobt wurde. Seine Solo-CD „Ist Klang der Sinn?“, an der Heinz Holliger mitwirkte, fand besondere Beachtung – sowohl wegen der Komplexität des Programms als auch aufgrund einer Interpretation von „phänomenaler Intensität“ (Klassik-Heute).
Alexandre Foster studierte bei David Ellis, Thomas Demenga, Conradin Brotbek, Rainer Schmidt, Anton Kernjak und Ferenc Rados und vertiefte seine Beschäftigung mit historisch informierter Aufführungspraxis bei Christophe Coin an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel. Neben seiner Konzerttätigkeit ist er international pädagogisch tätig und seit 2023 Professor für Violoncello an der Musik-Akademie der Stadt Basel.
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